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Sandra's Blog-Archiv

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Samstag, 9. Mai 2020 17:01

Gebundenes Kapital

Am Ende wird alles gut... und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.
Oscar Wilde

Als ich beim Steuerberater für das Büromaterial zuständig war, wurde ich ermahnt, nicht zu große Vorräte anzulegen, da man damit Kapital binden würde. Also man kann dann das Geld eben nicht mehr für andere Dinge ausgeben. Dieser Denkansatz hat bei mir dann dazu geführt, dass ich später als Alleinerziehende Haushaltsbuch geführt habe. Meine Excel-Tabelle hat mir dann immer schon alle vorhersehbaren Ausgaben des Monats abgezogen und mir angezeigt, wieviel ich noch übrig habe. In der Praxis war es dann eher so, dass am Ende des Geldes noch ganz schön viel Monat übrig war.

Dieser Logik folgend und auch dem Umstand geschuldet, dass Dinge, die man als Vorrat anlegt, Lager- und Personalkosten verursachen und unter Umständen als Ladenhüter entsorgt werden müssen, hat dazu geführt, dass in der Wirtschaft Dinge erst dann produziert und geliefert werden, wenn sie auch benötigt werden. Das nennt man Just-in-time-Produktion. Man sagt auch, dass "das Lager auf die Straße verlegt" wurde. Das ist insofern auch für die Umwelt von Vorteil, da dadurch verhindert wird, dass Produkte produziert werden und damit Rohstoffe und Energie verbrauchen, die gar nicht benötigt werden. Ob das am Ende umweltfreundlicher ist, sei dahingestellt.

Das hat aber in Deutschland auch zur Folge, dass auf den Strassen sehr viele LKWs unterwegs sind und wir ständig im Stau stehen. Das hat auch damit zu tun, dass unsere halb-privatisierte Bahn es nicht schafft, den Güterverkehr attraktiv zu gestalten. In der Schweiz funktioniert das und ich empfand es als durchaus angenehm, dort Auto zu fahren. Da gab es andere Probleme. Außerdem verursachen LKWs auf den Straßen und Autobahnen deutlich mehr Schäden als PKWs. Das bemerkt man insbesondere, wenn man auf dem rechten Streifen auf den Autobahnen fährt, die häufig Spurrillen oder Flickwerk einen traurigen Anblick bieten.

Diese Infrastruktur, die meiner Meinung nach eigentlich in staatliche Hand gehört, wird nur zum Teil durch die Einnahmen durch die LKW-Maut gedeckt. Zunächst werden die "Systemkosten" abgezogen, also auch der Gewinn von Toll Collect, der Puplic Private Partnership (bei der Worthülse bekomme ich immer Schnappatmung), die intransparent und damit demokratisch nicht legitimiert ist, datenschutz- und kartellrechtlich problematisch, für die Steuerzahler eine Katastrophe (CTS Eventim und Kapsch dürften Schadensersatz in einer Höhe von mindestens 500 Mio. Euro geltend machen), trotzdem ist Andreas Scheuer immer noch Verkehrsminister, obwohl er Beweismittel vernichtet hat. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Puh!

Bleiben wir beim gebundenen Kapital und dem Umstand, dass Menschen mit wenig Geld auch nicht in der Lage sind, Vorräte anzulegen oder gar etwas für die private Altersvorsorge beiseite zu legen. Da bekomme ich auch Schnappatmung. Die Altersvorsorge ist nämlich in der Zusammensetzung des Hartz-IV-Regelbedarfs, das eigentlich soetwas wie das Existenzminimum darstellen soll, gar nicht enthalten. Wie zynisch müssen unsere Politiker (Gesetzgeber) sein, wenn sie allen Ernstes verlangen, dass von dem Geld, dass kaum bis zum Ende des Monats reicht, auch noch Rücklagen für das Alter gebildet werden sollen. Dabei dient die von der Brechtelsmann-Stiftung und der "Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten"-SPD unter Gerhard Schröder dem Abbau des Sozialstaats. Der damalige VW-Vorstand und später wegen Veruntreuung von Firmengeldern verurteilte Lohndrücker Peter Hartz wurde von der Bundesregierung beauftragt (!), das Konzept für die Hartz-Reform zu entwickeln. Die darauf folgende Aushöhlung der Arbeitnehmerrechte wird als Retter der deutschen Wirtschaft dargestellt, auf die Gerhard Schröder noch immer stolz ist (siehe Absatz mit "Bazooka-Politik").

Dabei wäre bei einer vernünftigen Rentenpolitik eine private Altersvorsorge gar nicht notwendig. Meiner Meinung nach diente die Rentenreform in erster Linie der Versicherungswirtschaft getrieben durch perfiden Lobbyismus. In der Monitor-Sendung aus dem Jahr 2008 Arm trotz Riester: Sparen fürs Sozialamt und der ARD-Sendung "Die Riester-Lüge" von 2012 werden die Zusammenhänge erklärt, auch wieso es sich für Geringverdiener sowieso nicht lohnt zu sparen. Und jetzt, wo die Auswirkungen sichtbar werden, und immer mehr Menschen in die Altersarmut rutschen, wird mit der Grundrente geflickschustert, statt das Rentensystem solidarisch zu reformieren. Warum auch, dann müssten die Politiker da ja einzahlen. Mit einem ordentlichen Mindestlohn bliebe vielleicht etwas übrig, um für das Alter zu sparen, würde aber den Versicherungsgesellschaften weiter nutzen, statt das Grundproblem zu lösen.

Was hat das Ganze mit der Coronakrise zu tun? Seit über dreißig Jahren werden auf verschiedene Weise die Löhne gedrückt und die Einkommens- und Vermögensschere weiter geöffnet. Das kann man auch als "gebundenes Kapital" bezeichnen, denn wenn der breiten Masse immer weniger Geld zur Verfügung steht, um ihr Leben zu bestreiten, mehrt sich in der sogenannten Elite der Reichtum immer schneller. Das Geld ist sozusagen nicht weg, es hat jetzt nur ein anderer. Es ist also kein Wunder, dass die wenigsten irgendwelche Rücklagen haben bilden können, um für eine Krise gewappnet zu sein und vielleicht ein paar Wochen oder Monate ohne Einnahmen zu überstehen. Und solange die selbsternannte Elite einen Furz auf die normalen Menschen geben, wird sich das auch nicht ändern.

Aus dem Grund braucht auch niemand ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er jetzt Coronahilfen beantragt. So können sich die Menschen wenigstens einen Teil des gebundenen Kapitals zurückholen.

Everything's going to be okay!
Carl Grimes


Update-Liste


Updates Corona-Hilfen und Konjunkturpakete Deutschland

Telepolis (12.04.2020): Das dünne Eis - in einer kapitalistischen Gesellschaft leben die meisten Menschen von der Hand in den Mund

Süddeutsche (17.05.2020): Coronahilfen werden mit 1.200 Milliarden Euro veranschlagt - Sechs Ideen, wo Geld zu holen ist

Süddeutsche (25.05.2020): Mittelstand gut gerüstet, Verbraucher halten sich zurück

LobbyControl (26.05.2020): Belastungsmoratorium, Wirtschaftsföderung zu Lasten der Solidarität, der Bildung, der Umwelt

Telepolis (27.05.2020): Hände weg vom Mindestlohn!

Tagesschau (28.05.2020): Bundesagentur für Arbeit: Das Geld wird knapp

Spiegel (02.06.2020): Darum geht es beim geplanten Konjunkturpaket - Infrastruktur, Klimaschutz, Hilfe für Veranstaltungs- und Kulturbranche

Tagesschau (04.06.2020): Konjunkturpaket: Mehrwertsteuersenkung, Kinderbonus, Prämie für E-Autos, Strompreis, Bahnhilfe, Überbrückungshilfen für Hotels, Restaurants, Bars, Reisebüros, Schausteller, Kultur, Forschung in KI und Wasserstofftechnik

Spiegel (04.06.2020): Keine Geschenke für Spitzenverdiener oder Angriffe auf den Arbeitsschutz

Süddeutsche (04.06.2020): Das Konjunkturpaket ist eine historische Wende, Abwrackprämie hatte keine Chance

Tagesspiegel (04.06.2020): Das Konjunkturpaket überrascht - und es wirkt durchdacht

Tagesschau (04.06.2020): Die GroKo hat der Versuchung widerstanden, Klientelpolitik zu machen - Entlastungen mit kurzer Frist sind Unsinn - Ein solches Paket war schon vor Corona nötig

ntv (04.06.2020): 130 Milliarden fürs Land - Was dieses Paket historisch macht - keine Vermögensabgabe für Reiche - Paradigmenwechsel

T-Online (12.06.2020): Staatsverschuldung aus volkswirtschaftlicher Sicht kein Problem

Tagesschau (14.06.2020): 500-Millionen-Schutzschirm für Lehrstellen

Zeit (19.07.2020): Wir müssen unsere Ziele neu denken - Innovation, Fortschritt, Klimaschutz

Süddeutsche (10.08.2020): Staatshilfe rettet in der Krise viele Betriebe


Updates Corona-Hilfen und Konjunkturpakete EU

Wikipedia: Marshallplan, offiziell European Recovery Program von 1948–1952

Süddeutsche (11.06.2020): Spanien bekommt eine Grundsicherung - 462 Euro

Tagesspiegel (12.06.2020): Streit um das Rettungspaket in der EU - 1,8 Billionen Euro - wer zahlt? Wer bekommt was?

Süddeutsche (19.06.2020): EU-Hilfspaket: Worum es bei der Verteilung der 1,8 Milliarden Euro geht

Süddeutsche (21.07.2020): EU-Sondergipfel:So werden die 1800 Milliarden verteilt - EU-Haushalt bis 2027 und das Corona-Hilfspaket - Schwacher Schutz der Rechtsstaatlichkeit (Ungarn, Polen)

Neue Zürcher Zeitung (21.07.2020): Die Einigung der EU zeigt: Der Abgesang war verfrüht

NachDenkSeiten (22.07.2020): EU-Gipfel: Die politischen Kollateralschäden - Erpresster Kompromiss


Updates Corona-Hilfen und Konjunkturpakete Ausland

Telepolis (11.04.2020): USA: Jeder Zehnte arbeitslos

New York Times (21.04.2020): F.A.Q. on Stimulus Checks, Unemployment and the Coronavirus Plan

Neue Zürcher Zeitung (22.05.2020): China: Keine Selbstkritik, dafür ein Konjunkturprogramm und neun Millionen neue Stellen

Telepolis (14.07.2020): USA: Große Corona-Hilfen für "kleine" Unternehmen - Paycheck Protection Program

Tagesschau (28.07.2020): Plan der US-Republikaner: Eine Billion Dollar gegen die Krise


Updates Kritik, Missbrauch und Rückforderungen

Heise (21.05.2020): Corona-Soforthilfen in der Kritik

Tagesspiegel (10.06.2020): Massiver Betrug bei Coronahilfen in Berlin

Heise (12.06.2020): Vorübergehende Mehrwertsteuersenkung: Zweifel an Zeitplan zur Umsetzung - war wohl doch nicht so durchdacht

Zeit (14.06.2020): Das Dilemma von Künstlern - Coronahilfe nicht durchdacht

ntv (14.07.2020): Nur 13,5 von 50 Milliarden Euro: Corona-Geld für Selbständige kaum abgerufen - weil sie nicht das Überleben sichern, sondern nur für Betriebsausgaben benutzt werden dürfen - gut gemeint, schlecht gemacht

Heise (17.07.2020): Corona-Soforthilfen - Baden-Württemberg startet zweite Soforthilferunde. Diesmal dürfen nur Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und vereidigte Buchprüfer die Anträge stellen. Das soll Betrug verhindern.

NachDenkSeiten (20.07.2020): Corona-Soforthilfe-Empfänger werden überprüft und müssen ggfs. ganz oder teilweise zurückzahlen

Mimikama (04.08.2020): Corona-Soforthilfe Mann zockt 7,4 Millionen Euro ab


Updates Superreich, superreicher trotz Corona-Krise

NachDenkSeiten (26.05.2020): Extrem wachsende Ungleichheit zerstört die Demokratie

CNN (05.06.2020): US billionaires have regained $565 billion in wealth since the pit of the crisis

Tagesspiegel (09.06.2020): Niemand kontrolliert, ob trotz Staatshilfe Boni gezahlt werden

Handelszeitung.ch (13.07.2020): Superreiche: «Besteuert uns. Besteuert uns. Besteuert uns.»

ntv (08.08.2020): 146 Milliarden für miese Zeiten: Buffetts Geldberg wächst auch in der Krise

ntv (19.09.2020): Superreiche scheffeln trotz Krise Milliarden



Updates Off Topic: Pkw-Maut-Desaster und Verkehrsminister Andreas Scheuer

Spiegel (09.05.2020): Scheuer und sein Berater Dieter Neumann

Heise (14.05.2020): Ungereimtheiten bei Vergabe und auffälliges Verhalten von Zeugen aus Verkehrsministerium

ntv (28.05.2020): Hat Scheuer den Rechnungshof angelogen?

Abgeordnetenwatch (04.06.2020): Andreas Scheuer und Pkw-Maut

Süddeutsche (03.07.2020): Andreas Scheuer: Schiedsverfahren um geplatzte Pkw-Maut soll Millionen kosten

Süddeutsche (04.07.2020): Wie Scheuer versuchte, kritische Medien zu torpedieren

K21 (04.07.2020): Andreas Scheuer hat auch bei Stuttgart 21 Mist gebaut

Deutschlandfunk (10.07.2020): Scheuer und die StVO-Novelle: Er wars nicht – wie immer

Tagesspiegel (20.07.2020): Nun auch noch eine Mail-Affäre - Scheuer wird zum immer größeren Problem für den CSU-Chef

Spiegel (22.07.2020): Scheuer will europäische Pkw-Maut durchsetzen

Spiegel / Sascha Lobo (30.07.2020): Warum ist Andreas Scheuer noch Bundesverkehrsminister?

Süddeutsche (09.09.2020): Kaufprämien für Verbrenner: Scheuers Forderung ist abenteuerlich

Spiegel (25.09.2020): Was Scheuer sich geleistet hat, genügt in anderen Parteien für drei Rücktritte

Thema: Corona
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09.01.2012 13:04 Clicks: 39499

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