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Donnerstag, 29. Oktober 2020 20:43

Evidenzbasiert? Ich habe da mal ein paar Fragen...

Ich bin kein Experte, aber ich denke, ich kann durchaus unterscheiden, wer Blödsinn erzählt und wer doch eher bei den Fakten bleibt. Naja, das denken im Moment wohl alle irgendwie. Trotzdem kommt mir beim Lesen mancher Artikel die Galle hoch. Wie bei diesem hier auf Telepolis.

Da benutzt der Autor das Wort "evidenzbasiert" und rechnet sich dann die Welt, wie sie ihm gefällt. Und es wird wieder nur auf die Ist-Zahlen geschaut, nicht extrapoliert. Der Autor behauptet, dass es auch positiv getestete Unfallopfer auf den Intensivstationen gibt, die zu den Covid-19-Toten gezählt werden. Wieviele das sind, führt er nicht aus. Das ist auch einem anderen Beobachter aufgefallen. Denn wenn von 100 Corona-Intensivpatienten nur ein Unfallopfer dabei ist, das in die Statistik einfließt, dann ist das irrelevant.

Dann behauptet er, dass die Zahl der belegten Intensivbetten keinen Anstieg erkennen lassen würden. Bin ich blind? Für mich neigt sich die rote Kurve gegen Ende Oktober durchaus leicht nach oben. Wenn man nun extraploliert, dann wird diese noch weiter steigen, da die Zahl der nachgewiesenen Neuinfektionen exponentiell steigt und wir also aufgrund der Inkubationszeit und Zeit bis zur Verlegung auf die Intensivstation wissen, dass in etwa mit drei bis vier Wochen Verzögerung derselbe Anstieg auch bei der Belegung der Intensivbetten und danach ein Anstieg der Todesfälle erfolgen wird. Mir wäre es auch lieber, wenn sie sich irren würden. In meiner persönlichen Coronastatistik, die auf den Daten des DIVI beruhen, sehe ich durchaus einen Anstieg bei der Bettenbelegung. Nur sieht meine Kurve etwas exponentieller aus, oder?

Dass die Labore überlastet sind und dadurch gewisse Fehlerquellen entstehen, ist kein Geheimnis. Doch wie hoch ist der Prozentsatz der dadurch entstandenen falsch-positiven Ergebnisse tatsächlich? Hier wird gezielt Zweifel gesäht, was typisch ist für Leute, die sich der Realität nicht stellen können oder wollen. Oder sind das doch nur Einzelfälle, die statistisch nicht relevant sind? Darauf finde ich in dem Artikel keine Antwort, aber in meinem Hirn formen sich ebenfalls Zweifel. Dass die Positivrate gerade die 5%-Marke knackt, bedeutet für mich jedenfalls, dass sich der Virus in einer Geschwindigkeit ausbreitet, die beängstigend ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Labors solche Versager sind, dass dies allein durch eine Falsch-Positiv-Rate erklärbar wäre. Und wenn man noch weiter extrapoliert, dann kommt man auch auf eine entsprechende Todesrate. Der verlinkte Artikel in der NZZ ist auch vom Mai. Ob das noch alles so aktuell ist?

Insgesamt benutzt mir der Autor auch viel zu häufig den Konjunktiv (10x könnte, 5x würde, 1x hätte, wenn ich mich nicht verzählt habe). Das hat mit "evidenzbasiert" nun überhaut nichts mehr zu tun. Außerdem schaut eine Evidenz immer nur auf die Vergangenheit. Das kann ziemlich gefährlich werden, wenn man mit 180 km/h nur in den Rückspiegel guckt.

Wo ein Trog aufgestellt wird, zieht man Schweine an. So auch bei Telepolis-Artikeln, die von Nicht-Experten mit Wunschdenken fabuliert werden, die sich selbst genau wie ihre Leser für kritische Denker halten. So ist es wirklich traurig zu sehen, wie die Kommentare ebenfalls zum großen Teil dieses in meinen Augen fehlerhafte Wunschdenken bestätigen. Wo bleiben die kritischen Fragen? Wo die weiterführenden Links mit korrigierenden Informationen?

Pipi, werd erwachsen!


Updates

Telepolis (05.11.2020): Evidenz als Phrase

Telepolis (07.11.2020): Die Vordenker der Querdenker

Thema: Corona
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09.01.2012 13:04 Clicks: 137339

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